Die zunehmende persönliche Heraus- und Überforderung am Arbeitsplatz sowie deren psychische Auswirkungen standen am 10. Juni im Mittelpunkt der Veranstaltung „Arbeit und Angst“ in der Arbeiterkammer Wien, die von der Plattform „Arbeit und Psyche“ in Kooperation mit dem Beratungszentrum WUK faktor.i und der Arbeiterkammer Wien veranstaltet wurde.
Die Ausgangslage ist beunruhigend: So waren laut einer Mikrozensus-Erhebung im Jahr 2007 32 Prozent der Erwerbstätigen in Österreich zumindest einem psychischen Belastungsfaktor ausgesetzt. In den vergangenen zehn Jahren ist zudem die Zahl der psychisch bedingten Krankenstandstage um 37 Prozent gestiegen und eine der konkreten Forderungen, die im Rahmen der Veranstaltung erhoben wurde, war jene nach der Einführung eines Teilzeitkrankenstandes. Dieser soll Personen mit psychischen Erkrankungen den schrittweisen Wiedereinstieg ins Arbeitsleben ermöglichen, ohne zu finanziellen Belastungen und damit zusätzlichem Stress zu führen.
Erfolgreiche Informationsveranstaltung
Rund 300 Besuchern und Besucherinnen waren gekommen und erlebten interessante Fachvorträge, die auf die verschiedenen Facetten des Themas eingingen. Die derzeitige Situation am Arbeitsmarkt zeigt, dass ein sich verschärfender Wettbewerb, ständig steigender Zeitdruck und belastende Arbeitsabläufe gerade auch im Arbeitsumfeld immer häufiger zu Überforderung und psychischen Erkrankungen führen. Auffallend ist zudem, dass gerade weibliche Arbeitnehmerinnen von den Belastungen besonders betroffen sind, da sie häufig Doppel- und Dreifachbelastungen in Arbeit und Familie bewältigen müssen.

Universitätsprofessorin Gudrun Biffl vom WIFO betonte in ihrem Vortrag angesichts der Zunahme psychischer Erkrankungen und der gleichzeitig steigenden Anforderungen am Arbeitsplatz die Notwendigkeit einer koordinierten Gesundheits- und Arbeitsmarktpolitik. Seit dem Jahr 1990 habe die Arbeitsintensität in der gesamten EU stark zugenommen, insbesondere aber in Österreich und Skandinavien. Daher sei es höchst an der Zeit, umfassende Erhebungen zur Arbeitsgesundheit zuzulassen, um die Lebensqualität der Menschen im Arbeitsleben zu verbessern.

Auf den zunehmenden Druck im Arbeitsleben und die Auswirkungen auf die psychische Gesundheit ging Primarius Rainer Gross vom Landesklinikum Weinviertel in Hollabrunn ein. Es sei eine ständige Herausforderung, psychisch kranke Personen wieder in den Arbeitsprozess zu integrieren und sie damit bewusst erneut Stresssituationen auszusetzen. Gerade das sei aber auch der Wunsch der Betroffenen.

Besonders eindrucksvoll war der Erfahrungsbericht einer Managerin eines börsennotierten Unternehmens, die ein Burn-Out erlitten hatte und in sehr persönlichen Worten schilderte, wie sie dank der psychotherapeutischen Unterstützung und der Unterstützung ihres Arbeitsgebers den Wiedereinstieg in das Arbeitsleben schaffen konnte.

Neue gesellschaftliche Leitbilder angesichts der modernen Herausforderungen der Arbeitswelt forderte schließlich der stellvertretende Leiter der Abteilung Arbeitsmarkt und Integration der Arbeiterkammer Wien, Gernot Mitter. Gegenmaßnahmen seien die Einführung einer Grundsicherung, die Reduktion der Wochenarbeitszeit, die Erhaltung öffentlicher Dienstleistungen und Sozialschutzsysteme sowie die Förderung von Autonomie und Partizipation.
Im Anschluss an die Veranstaltung nutzten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer noch die Gelegenheit zum gegenseitigen Austausch und informierten sich über die verschiedenen Angebote für Menschen mit psychischen Erkrankungen bei den Mitgliedsorganisationen der Plattform „Arbeit und Psyche“.
Plattform Arbeit und Psyche
Die Plattform Arbeit und Psyche wurde Mitte 2009 von Projekten mit einer langjährigen Erfahrung im Bereich der beruflichen Integration von Jugendlichen und Erwachsenen mit psychischen Problemen und/oder Erkrankungen gegründet. Alle Projekte der Plattform sind vom Bundessozialamt Wien gefördert, einige sind zusätzlich vom AMS Wien und/oder vom Fonds soziales Wien gefördert.
Ziel dieser Vernetzung ist es, dass Betroffene eine möglichst individuelle und auf ihre persönlichen Bedürfnisse abgestimmte Unterstützung erhalten. Durch die gemeinsame Öffentlichkeitsarbeit und das Aufzeigen der Anliegen sowie der Leistungsfähigkeit von Menschen mit psychischen Erkrankungen soll Betroffenen Mut gemacht und potentielle DienstgeberInnen und KollegInnen informiert werden.
Downloads
>> Infopaket - Arbeit und Angst (PDF)
>> Referat - Univ.-Prof. Mag. Dr. Gudrun Biffl (PDF)
>> Referat - Prim. Dr. Rainer Gross (PDF)
>> Referat - Dr.Gernot Mitter (PDF)